Septembermomente

Noch einmal Sommer: Das letzte richtig warme Wochenende lockt mich in die Berge. Weit ist der Weg dorthin zum Glück nicht: zehn Minuten mit dem Fahrrad und ich kann starten, diesmal das erste steile Stück mit der Seilbahn. Neben mir im Lift ein Pärchen, das sich über die sonnigen Tage seines Urlaubs freut. Angesichts eines oft verregneten Sommers ein Glücksgriff bei der Urlaubplanung.

Ein festes Ziel habe ich nicht – eher eine Idee, wo es hingehen soll. Erst einmal weiter hinauf, dann Richtung Österreich wieder hinab. Die erste Hütte auf dem Weg hat schon geschlossen, volle Getränkekästen vor der Tür und eine Kassenbox laden dennoch zum Rasten ein. Auch hier ergeben sich kurze Gespräche mit anderen Wanderern. Ich mag diese Begegnungen: Man teilt eine Bank, ein paar Worte, prostet sich zu und geht dann weiter, jeder in seine Richtung aber doch ein bisschen bereichert.

Auch im Alltag habe ich mir in diesem Monat mehr Raum für mich geschaffen. Mehr draußen sein, mehr Spaziergänge, mehr Durchatmen, bevor es an den Schreibtisch geht. Ich habe wieder Zeit für mein Hobby gefunden, das Zeichnen von Tierporträts mit Pastellstiften. Die Wahl eines Motivs, das mich anspricht, dauert manchmal fast genauso lange wie die Zeichnung selbst. Diesmal war es ein flauschiges Entenküken auf dem Wasser. Eine Herausforderung, denn hier gehört der „Hintergrund“ zwingend dazu. Die Spiegelung des Kükens macht das Bild erst komplett. Ich habe es gewagt – und zu Ende gebracht.

Draußen beginnt langsam der Herbst. Morgens liegt schon Nebel auf den Wiesen. Die Pflanzen färben sich braun, Spinnen weben zwischen den Gräsern ihre Netze. Die Sommerferien sind vorbei – es ist merklich ruhiger geworden im Ort. Nun kommen noch all diejenigen zum Urlauben ins Allgäu, die keine schulpflichtigen Kinder haben. Der Lesekreis in unserer wunderbaren Bücherstube hat wieder begonnen. Etwa neunmal im Jahr treffen wir uns – neun bis zehn leidenschaftliche Leserinnen und Leser im Alter von 45 bis 85 – und sprechen über ein Buch, das beim vorherigen Termin ausgewählt wurde.

Im Juli hatten wir uns für „Oben Erde, unten Himmel“ von Milena Michiko Flašar entschieden – ein wunderbares Buch über eine junge Frau in Japan, Single mit Hamster, die sich in ihrem Alleinsein eingerichtet hat. Bei einem neuen Job – dem Reinigen von Wohnungen, in denen Menschen alleine und längere Zeit unbemerkt von anderen gestorben sind – findet sie nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu einer Wahlfamilie. Dieses Bild hat mich berührt. Es passt zu dieser Jahreszeit, in der man merkt, wie wichtig Bindung und Zuwendung sind, gerade wenn vieles vergeht.

Vor zwei Jahren begann für mich und meinen Vater in dieser Zeit sein letztes Kapitel. Nach einer Krebsdiagnose im Sommer und einer Augenoperation hatten wir beide uns für einen Platz im Pflegeheim entschieden. Das Universum hat viele Fäden gezogen und wir fanden binnen zwei Tagen einen Platz im Heim in Nesselwang. Uns blieben damals noch zwei intensive, liebevolle und schöne gemeinsame Monate. In diesem Wochen denke ich oft daran, dass es damals nicht nur das Ende des Sommers war, sondern auch der Beginn des Abschieds von meinem Papa.

Der September war in diesem Jahr für mich ein Monat der Übergänge: Wärme und Kühle, Begegnung und Rückzug, Gegenwart und Erinnerung. Er hat mir Arbeit, aber auch Ruhe geschenkt: Spaziergänge, Zeichnen, Bergluft. Jetzt kann er kommen, der Oktober, mit spürbar kürzeren Tagen, klarer Luft – und vermutlich mit Winterreifen.