Erst Messe, dann Meer

Ich sitze im Zug nach Berlin. Es ist der 1. Oktober, mein Koffer steht hinter meinem Einzelsitz, der mir alle Bewegungsfreiheiten erlaubt, ohne dass ich jemanden nerve oder umgekehrt. Und ich habe gerade festgestellt, dass mein Reiseproviant offenbar nur für das erste Drittel der Strecke gedacht war. Das Brot ist weg, der Kaffee ist weg – und die Süßigkeiten auch. Immerhin: Ein Apfel ist noch da. Eigentlich ein ganz guter Zeitpunkt, um den September-Rückblick zu schreiben.

Vier Tage GaLaBau

Der große berufliche Block im September war natürlich die GaLaBau in Nürnberg. Vier Messetage, viele Gespräche, bekannte Gesichter, neue Kontakte und jede Menge Schritte durch die Hallen. Wobei Messen für mich weniger ein Ort sind, an dem ich systematisch Neuheiten abarbeite. Ich nutze sie, um Menschen, mit denen ich bisher vor allem per Mail zu tun hatte, persönlich kennenzulernen. Oder um eine Viertelstunde mit jemandem zu sprechen, den ich viel zu selten sehe.

Messen erschlagen mich meistens erst einmal. Schon am Eingang habe ich in der Regel mehr Leute gesehen als sonst in Nesselwang in einem Jahr (trotz Touristen). Deshalb habe ich mir für den Einstieg in den Messetag sogenannte „Auftankstationen“ notiert. Das sind Menschen, bei denen ich weiß, dass ich jederzeit willkommen bin.

Zu meinen Warm-up-Stationen gehören seit Jahren braun-steine, die Firma Birchmeier und der bdla. Danach ist es viel einfacher, mich an unbekannte Stände zu wagen. Schließlich bin ich keine potenzielle Kundin, sondern frage Leute aus, die auf einer Messe verständlicherweise zunächst einmal mit potenziellen Kunden sprechen wollen.

Spannender als technische Messeneuheiten sind für mich auf einer Messe aber die Fragen: Was beschäftigt die Betriebe gerade? Wo verändert sich etwas? Welche Themen tauchen an verschiedenen Stellen unabhängig voneinander auf? Und oft entsteht aus einem Gespräch nach und nach eine Idee für einen Beitrag.

Urlaub macht erst einmal Arbeit

Nach der Messe begann dann ziemlich unmittelbar die Vorbereitung auf das, was jetzt vor mir liegt: knapp drei Wochen unterwegs.

Urlaub als Selbstständige hat eine eigene Logik. Es gibt niemanden, der währenddessen den Schreibtisch übernimmt. Also müssen Texte vorher fertig werden, Dinge vorbereitet und Auftraggeber rechtzeitig informiert werden. Und natürlich fällt einem kurz vor der Abreise zuverlässig noch einiges ein, das unbedingt vorher erledigt werden sollte.

Dass ich in dieser Zeit auch noch krank wurde, war in diesem Plan nicht vorgesehen, obwohl es seit Jahrzehnten kaum eine GaLaBau ohne anschließende Rotznase gibt. Aber man darf ja hoffen.

Und dann gibt es noch die wirtschaftliche Seite des Urlaubs: Wenn ich drei Wochen nicht arbeite, verdiene ich in diesen drei Wochen auch nichts. Urlaub kostet als Selbstständige doppelt – das, was man während dieser Zeit ausgibt, und das, was man nicht einnimmt. Kein Grund zum Jammern, aber es gehört zur Rechnung dazu.

Auf dem Weg ins Baltikum

Heute fahre ich zunächst nach Berlin. Dort stehen noch zwei berufliche Termine an. Danach geht es weiter nach Kiel, mit der Fähre nach Klaipėda und später nach Riga.

Es ist mein erster Auslandsurlaub seit sechs Jahren. Und dass es ausgerechnet Litauen und Lettland geworden sind, hat viel mit meinem Papa zu tun. Papa stammt aus Königsberg. Sein Großvater hatte in Memel, dem heutigen Klaipėda, einen Laden, und mein Vater hat ihn dort als Kind manchmal besucht. Auch mein Nachname ist wohl litauischen Ursprungs. Allerdings kenne ich die Familiengeschichte nur bis in die 1930er-Jahre – da war Memel Arbeitsort für meinen Urgroßvater, während seine Frau in Königsberg wohnte (was die Ehe wohl wesentlich länger dauern ließ, als das sonst der Fall gewesen wäre).

Jetzt möchte ich gerne den Ort sehen, von dem mein Papa nur noch Kindereindrücke vermitteln konnte: Holzstraße, Straßenbahn, Kirche, Meer bzw. Ostsee. Ich habe im Internet übrigens ein Bild von 1923 gefunden, das wahrscheinlich dem, was mein Papa noch in Erinnerung hatte, relativ nahe kommt.

Also fahre ich hin. Allein, mit Zug und Fähre und ohne besonders genau zu wissen, was diese Reise mit mir machen wird. Ich kenne weder Litauen noch Lettland und war in dieser Ecke Europas noch nie unterwegs. Ein bisschen Papa kommt übrigens mit: im Ascheanhänger an meiner Kette.

Und ganz ohne Arbeit geht es natürlich doch nicht

Heute Vormittag habe ich aus dem Zug noch eine Mail nach Riga geschickt.

Dort möchte ich mich mit Mitarbeitern von Rīgas meži treffen, dem kommunalen Unternehmen, das unter anderem für viele Parks und Grünflächen der Stadt zuständig ist. Mich interessieren die Stadtbäume, die Baumpflege und -sicherung, Bewässerung, Pflanzenwahl, Klimaveränderungen, Maschinen und Geräte – und ganz grundsätzlich die Frage, wie eine andere europäische Stadt ihr öffentliches Grün organisiert.

Eigentlich mache ich Urlaub. Aber wenn ich schon in Riga bin und die Gelegenheit bekomme, mit den Leuten zu sprechen, die dort täglich mit genau diesen Fragen zu tun haben, möchte ich sie auch nutzen. Nicht weil ich nicht aufhören kann zu arbeiten. Sondern weil ich wissen will, wie sie es machen.

Ich finde das übrigens überhaupt nicht anstrengend – im Gegenteil. Ich freue mich darauf, Menschen kennenzulernen, die dort nicht nur Touristen sind, sondern in Riga leben und arbeiten. Ich sehe das als eine tolle Chance, einen Blick in den Lebens- und Arbeitsalltag der Menschen in Riga zu bekommen. Und ganz nebenbei verdiene ich damit auch noch ein bisschen Geld – trotz Urlaub.