Was man sich so vorstellt

Anfang August bin ich 60 geworden. Darüber habe ich bereits gebloggt, deshalb gibt es jetzt keinen zweiten Geburtstagstext. Vielleicht war es aber ein Anlass, ein bisschen aufmerksamer dafür zu sein, was ich noch alles machen, lernen und ausprobieren möchte – und das ist eine ganze Menge.

Was fertig werden muss

Für Neues hat mir der August erst mal wenig Zeit gelassen. Für drei Fachmagazine mussten die Messeseiten fertig werden, parallel liefen Kundenprojekte, Interviews, Texte und die Vorbereitung auf die GaLaBau. Das sind Dinge, bei denen Leistung keine Frage der Tagesform ist: Am Ende gibt es einen Termin – und bis dahin muss ein Ergebnis da sein.

Wenn aus Interesse ein Großprojekt wird

Daneben gibt es dann die Dinge, die niemand von mir verlangt, die ich aber spannend finde und lernen möchte. Im Oktober fahre ich nach Litauen und Lettland, also lerne ich gerade Litauisch. Das nehme ich mir vor Reisen übrigens häufiger vor: mehr sagen zu können als „Guten Tag“, „Danke“ und „Bitte“. Allerdings: Wenn ich mich schon damit beschäftige, möchte ich auch ein bisschen verstehen, wie die Sprache funktioniert, einfache Sätze bilden und wenigstens ansatzweise verstehen, was mir jemand antwortet. Und dann scheitere ich gerne an einer Mischung aus Zeitmangel und meinem eigenen Anspruch.

Mondly fürs Litauisch lernen

Das Muster kenne ich: Erst interessiert mich etwas, dann beschäftige ich mich damit und merke, was es alles zu lernen gibt. Und irgendwann habe ich aus einem Interesse ein Großprojekt gemacht.

Ganz oder gar nicht

Ähnlich ist es gerade beim Thema Video. Mich interessiert nicht nur, überhaupt etwas zu filmen, sondern wie man es besser machen kann. Welche Perspektive funktioniert, wie man schneidet, wie aus verschiedenen Einstellungen eine kleine Geschichte entsteht. Ich schaue mir Workshops an, probiere aus und merke, dass mir das Spaß macht. Und gleichzeitig kenne ich mich gut genug, um zu wissen, was als Nächstes passieren kann: Aus „Das möchte ich lernen“ wird „Das möchte ich richtig gut können“. Und schon habe ich das nächste Großprojekt nach dem Motto „ganz oder gar nicht“. Die Folge (meist aus Zeitmangel): ich lasse es ganz.

Was man nicht plant

Und dann waren da noch vier alte Ikea-Stühle. Die habe ich vor ungefähr zwölf Jahren bemalt. Bei unserer Kunstausstellung „Verborgene Talente“ in Nesselwang hatten sie in diesem Jahr eine Aufgabe: den Vorraum zum Ausstellungssaal ein wenig einladender zu gestalten. Und plötzlich wollte jemand alle vier kaufen. Übrigens: Möglicherweise kann man den einen oder anderen nun zukünftig auf der Hündeleskopf-Hütte in Pfronten sehen…

Wenn das Leben den Plan durcheinanderbringt

Gegen Ende des Monats passierte etwas, das sich weder planen noch mit mehr Disziplin erledigen lässt. Mein Lebensgefährte musste ins Krankenhaus und ist immer noch dort.

Monitor zur Überwachung der Vitalzeichen in der Notaufnahme des Krankenhauses

Das bringt den gewohnten Tagesablauf erst mal tüchtig durcheinander. Krankenhausbesuche müssen mit Arbeit koordiniert werden, zu Hause bleibt einiges liegen – und gleichzeitig habe ich plötzlich etwas, von dem man im gemeinsamen Alltag gelegentlich denkt, dass es vieles einfacher machen würde: Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen.

Als Gedankenexperiment kann „alleine leben“ durchaus mal attraktiv sein: Ich kann essen, wann und was ich will. Arbeiten, wann ich will. Abends im Fernsehen schauen, was ich will. Und in meiner Vorstellung bin ich mir sicher, dass ich unter diesen geradezu idealen Bedingungen mehr Sport mache, mich gesünder ernähre – und die Wohnung wäre vermutlich auch ordentlicher.

Pustekuchen.

Die Küche ist nicht sauberer, nur weil ich allein darin herumwirtschafte. Ins Fitnessstudio zieht es mich auch nicht häufiger. Und das Essen wird nicht gesünder, weil ich nur meine Vorlieben berücksichtigen muss.  

Dafür stelle ich gerade fest, was der andere im gemeinsamen Alltag tatsächlich alles macht – darunter viele kleine Dinge, über die man normalerweise nicht nachdenkt, weil sie einfach erledigt sind. Und die man erst wieder wertschätzt, wenn sie nicht da sind.

Fast Food statt Full Service

Die Katzen merken den Unterschied deutlicher. Dreimal tägliche Vollversorgung war für sie Standard. Bei mir bekommen sie diesen Service nicht ganz so zuverlässig. Sie verhungern nicht, aber es gibt deutlich weniger Reste in den Näpfen, weil ich den gastronomischen 3-Sterne-Standard gesenkt habe. Gefressen wird, wenn ich Zeit habe – nicht, wenn sie denken, es müsste jetzt sein.

Im September stehen dann die GaLaBau, noch ein paar Brocken Litauisch und hoffentlich wieder etwas mehr Alltag an. Die Katzen hätten gegen Letzteres vermutlich nichts einzuwenden.