Das Leben wird rund
„Willst du der Liebe deines Lebens begegnen, schau in den Spiegel.“
Dieser Satz hängt an meinem Badezimmerspiegel – ursprünglich eher zur Übung statt aus Überzeugung. Heute werde ich 60. Und in diesem Jahr habe ich überraschend viel über mich gelernt. Oft nebenbei, in Gesprächen, bei der Arbeit, beim Nachdenken über Entscheidungen und darüber, warum ich manches so mache, wie ich es mache.



Dabei habe ich etwas festgestellt, das mich selbst ein bisschen erstaunt: Ich mag mich. Nicht alles an mir, nicht jeden Tag – aber grundsätzlich. Ich mag mich mit dem, was ich kann, mit dem, was ich nicht kann, mit meinen Entscheidungen, mit meinen Umwegen.
Neugierig statt geradlinig
Ich habe in meinem Leben unzählige Kurse und Weiterbildungen gemacht und viele Sportarten ausprobiert. Manche bis zum Ende (Kurse), manche eine Zeit lang (Kurse und Sport), manche nicht besonders lange (Sport 😉). Ich habe mich eingearbeitet, etwas gelernt und irgendwann festgestellt: Das fesselt mich nicht dauerhaft. Oder: Das Wissen interessiert mich, aber ich möchte daraus keinen Beruf machen.

Für mich selbst war das in Ordnung. Ich habe es gemacht, weil es mir Spaß machte, weil ich Erfahrungen sammeln wollte. Ins Zweifeln kam ich dann, wenn andere fragten: Warum machst du das alles? Was willst du denn damit anfangen? Warum bleibst du nicht bei einer Sache? Warum hältst du nichts durch? Das war der Punkt, an dem ich immer wieder angefangen habe zu überlegen, ob ein Interesse ein Ziel braucht, ob aus einem Kurs etwas wirtschaftlich Attraktives werden muss, ob es nicht besser wäre, irgendwann irgendwo Expertin zu sein.
Heute sehe ich das anders. Neugier ist kein Umweg, sondern eines meiner tiefsten Lebensprinzipien. Immer wieder etwas Neues beginnen, lernen, verstehen und erst dann entscheiden, ob es zu mir passt oder nicht. Selten die Expertin, aber immer wieder die neugierige Anfängerin zu sein, finde ich inzwischen ziemlich gut.
Alles, was zu mir gehört
Auch meinen Körper sehe ich heute anders. Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass ich ihn liebe. Er ist meiner und damit eine liebgewordene Selbstverständlichkeit. Er trägt mich seit 60 Jahren durch dieses Leben und seine Geschichte sichtbar mit sich herum.
Mit vier Jahren hatte ich einen Autounfall, der mich meine Milz gekostet hat. Ich bin dem Rettungswagenfahrer bis heute dankbar, der damals geistesgegenwärtig meinen Bauchumfang gemessen hat. Milzriss, Notoperation. Seit 56 Jahren habe ich eine Narbe, die von der Mitte der Rippen bis neben den Bauchnabel reicht. Unsichtbare Nähkunst war 1970 noch kein besonders wichtiges Thema, sondern wichtig war: Hauptsache zu, Hauptsache hält, Hauptsache (über-)lebt.

Mein ebenfalls gebrochener Arm wurde in einer zweiten Operation zusammengeschraubt. Trägerkleider trage ich bis heute nicht – auch o.k. Früher habe ich bei glatten Bikinibäuchen manchmal gedacht: Wie schön. Seit etwa 15 Jahren denke ich eher: Da fehlt was. Natürlich fehlt da nichts. Aber bei mir würde etwas fehlen. Die Narben gehören zu mir, zu meinem Körper und zu meiner Geschichte. Sie sind kein Makel, den ich großzügig akzeptiere. Sie sind einfach ein Teil von mir.
Vielleicht heißt sich selbst mögen genau das: nicht alles großartig finden zu müssen und trotzdem nichts Wesentliches mehr wegmachen oder optimieren zu wollen.
Klarer sehen
Mit 60 ist allerdings auch nicht mehr alles möglich. Das lässt sich nicht schönreden, und es macht mich manchmal traurig. Eine Tanzkarriere wird es nicht mehr geben. Kinder werde ich auch keine mehr haben. Manche Türen schließen sich irgendwann – nicht dramatisch, aber endgültig.
Dafür wird klarer, was da ist, was ich mir erschaffen habe. Ich habe seit fast 30 Jahren einen Beruf, der mir immer noch Freude macht. Ich darf neugierig sein, mich in neue Themen einarbeiten, Menschen treffen, Fragen stellen und Zusammenhänge verstehen – und bekomme dafür sogar Geld. Während andere die Jahre oder Monate bis zur Rente zählen, bin ich immer noch offen für Neues und überlege mir, was ich noch Spannendes machen könnte. Das empfinde ich als großes Glück.
Ich hatte immer schon ein ziemlich gutes Bauchgefühl. Ich habe es nur manchmal zur Seite geschoben, weil etwas wirtschaftlich vernünftig erschien, weil man doch nicht einfach absagen kann oder weil ich dachte, dass ich mich vielleicht doch irre. Meistens habe ich mich nicht geirrt.
Heute nehme ich dieses Gefühl ernster. Ich weiß, mit wem ich arbeiten möchte, was zu mir passt und was nicht. Ich stehe zu dem, was ich kann. Und ich stehe auch zu dem, was ich nicht kann. Das ist nicht Resignation. Es ist eine angenehme Klarheit.
Noch lange nicht fertig
Eine Freundin, die 66 ist, sagte vor Kurzem, in den vergangenen ein, zwei Jahren verspüre sie eine immer größere Dankbarkeit. Ich weiß genau, was sie meint. Es ist keine Dankbarkeit, die alles verklärt. Natürlich gibt es Dinge, die schiefgelaufen sind. Entscheidungen, die ich heute vielleicht anders treffen würde. Verluste, Enttäuschungen und Möglichkeiten, die vorbei sind.
Aber daneben steht immer deutlicher, was gelungen ist und was geblieben ist. Und das ist ganz schön viel: ein Beruf, den ich liebe, Menschen, mit denen ich gern arbeite, Menschen, die mir wichtig sind, Freiheit, Neugier, ein Körper, der einiges ausgehalten hat, und die Möglichkeit, immer noch Neues zu entdecken. Mein Leben ist nicht perfekt, genauso wenig wie ich. Aber ich muss es auch nicht sein, um mich wirklich zu mögen.

Vielleicht meint der Satz auf der Karte genau das. Nicht, dass man morgens in den Spiegel schaut und sich großartig findet. Sondern dass man irgendwann aufhört, jemand anderes sein zu wollen. Ich habe das Gefühl, das Leben wird gerade irgendwie rund. Und ich bin mit 60 noch lange nicht fertig. Dafür gibt es noch viel zu viel zu entdecken.